Bericht Allgäu Triathlon 20.8.2023

von Denise Kottwitz

Der Allgäutriathlon wirbt damit "KULT" zu sein und ist vor allem wegen der spektakulären Landschaft sehr populär. Für mich ergab es sich in diesem Sommer hier mal an den Start zu gehen. Bei einer Startgebühr von über 300 Euro für die Mitteldistanz muss ich kurz schlucken, aber das Projekt aufzuschieben, ist ja auch keine Lösung. Lange zögern sollte man mit der Anmeldung nicht, denn auch dieses Rennen ist schnell ausgebucht. Man kann auf der Sprint- oder olympischen Distanz an den Start gehen, oder eben - wie für mich - auf die CLASSIC Strecke. Austragungsort ist Bühl am Alpsee in Immenstadt.

Lange Wege und die große Parkplatzfrage

Da für mich die Renninformationen auf der Internetseite nicht ganz verständlich sind, fahren wir schon am Freitag die Startunterlagen abholen. Während am Donnerstag Abend im Allgäu noch Unwetter wütete, zog nun der Hochsommer ein. Es machten sich also nicht nur 3000 Triathleten, deren Begleitung, 900 Helfer und wer sonst noch zum KULT gehört auf den Weg, sonder auch noch Einheimische und Touristen zum Baden an den See. Die offiziellen Parkplätze sind völlig überlastet, Hinweise zum Parken für Triathleten gibt es vor Ort keine. Auf einer Wiese ergattern wir noch für 5 Euro einen Parkplatz und kämpfen und dann durch die Massen zur Startnummernausgabe. Dabei machen wir noch einen Abstecher zur Wechselzone und schon ist fast eine Stunde vorbei. Also bei so einem kleinen Ort habe ich nicht mit solchen Entfernungen gerechnet! Startunterlagen gibt es schnell und problemlos, die Helfer sind hochmotiviert – können allerdings nur bedingt Auskunft geben. So frage ich nach Parkplätzen am Wettkampftag. Ja, es gibt eine Karte dazu im Internet, aber die ist für Menschen gemacht, die sich vor Ort auskennen und nicht für Ortsfremde.

Parkplätze gibt es nicht, die Teilnehmer kommen mit dem Fahrrad höre ich. Und wie kommen die wieder zurück, wenn das Rad eingecheckt ist? Laufen natürlich, ist ja Triathlon. Mit der Aussage werde ich weiterverwiesen. Hier klärt man mich auf, dass es in Immenstadt genug Parkfläche gibt und der direkte Fußweg kurz ist oder es einen Shuttle gibt. Diesen will man mir auf den Karten des Infoheftes (die gleichen wie auf der Internetseite) erklären und dann stellt fest, dass man auf den Karten gar nichts erkennen kann. Über diese Aussage bin ich erleichtert, ich habe schon an mir gezweifelt. Also zum nächsten Infostand. Auch hier gibt es eine recht grobe Parkplatzkarte, die ich abfotografiere mit dem Ziel diese zu erkunden. Ehrlich gesagt bin ich total frustriert in diesem Moment: null Wettkampfvorfreude, selbst bei herrlichem Bergpanorama nicht. Wir fahren zurück, die ersten angeblichen Parkplätze können wir nicht ausmachen, aber tatsächlich gibt es in Immenstadt einen echt großen Platz. In der Nacht werde ich von Alpträumen geplagt: im Neoprenanzug mit Fahrradhelm auf dem Kopf suche ich verzweifelt einen Parkplatz und verpasse natürlich den Schwimmstart!

Wettkampfbesprechung mit Prominenz

Am Morgen beruhigt mich eine Nachricht: auf Grund guten Wetters werden noch 2 Parkplätze auf der Wiese aufgemacht. Da bin ich ja gespannt… und tatsächlich, als ich Nachmittag zur Wettkampfbesprechung fahre, finde ich einen dieser Wiesenplätze (nach dem ich 2 mal vorbeigefahren bin) und sogar einen Parkplatz. Ich schlendere über die Messe, hole das Athletengeschenk (ein Radshirt) ab und gewinne am Glücksrad ein Eis. Zur Besprechung geht es ins Athletenzelt, da gibt es auch Nudeln und was zu trinken… wenn man die Gutscheine aus dem Starterbeutel dabei hat. Ich hatte daheim diesen winzigen Aufdruck nicht gelesen und diese daher nicht mitgenommen.

Ich entdecke einen Athleten mit einem „Chicken Run“ Shirt, der bei mir in der Heimat stattfindet. Nach kurzem Gespräch stellen wir fest, einen gemeinsamen Bekannten zu haben, mit dem wir die ein oder andere Radtour gemacht haben. Wie klein doch die Welt ist. Dann geht die Besprechung los, ja eigentlich ist es eine Show. Es beginnt mit einer Ehrung des kürzlich verstorbenen German Altenried, der vor 40 Jahren den Allgäu Triathlon ins Leben rief. Statt trauriger Stimmung ruft Hannes Blaschke zu tobenden Applaus auf, und läßt die Geburtstagstorte präsentieren. Gemeinsam mit Daniel Unger wird der Teilnehmer geehrt, der bisher an allen Ausgaben teilgenommen hat. Dann batteln sich die Profistarter Patrik Lange und Ruben Zepunkte schon mal verbal. Ein wirklich unterhaltsamer Einstieg. Die folgende Wettkampfbesprechung ist super: klare eindeutige Informationen. Jedoch wird mir mulmig, was die Berge betrifft. Während alle Welt vor den kräftezehrenden Anstiegen warnt, besorgen mich die Abfahrten. Mehrere Passagen seien wirklich gefährlich und dort gäbe es Verbot der Aeroposition. Auf einem Stück herrscht sogar striktes Überholverbot. Oje, hoffentlich bremse ich da niemanden aus. Ich habe mich übrigens ganz bewußt gegen eine vor Ort Streckenbesichtigung entschieden, um ja keinen Rückzieher zu machen.

Raceday: Schwimmen mit Feuerwerk

Extra pünktlich geht es am Wettkampfmorgen wieder an den Alpsee. Der Wiesenparkplatz ist noch fast leer, drücke meinem Mann die Schwimmsachen in die Hand und fahre schon mal mit dem Rad zum Check in. Ich bin noch etwas nervös, dass da zu viel los ist – aber ich bin ruckzuck in der Wechselzone. Hier bin ich froh, noch nicht gestern eingescheckt zu haben. Denn es ist alles klitschnass. Schnell alles eingerichtet und dann wieder los: es ist zwar noch eine Stunde Zeit bis zum Start, aber die Wege sind lang: zum See die Eröffnungsschüsse des Schützenvereins erleben, zum Athletenzelt Wechselbeutel abgeben, Neo anziehen (der See hat für einen Bergsee unglaubliche 23,7 Grad erreicht), einschwimmen, in der Startgruppe auf dem Steg einfinden.

Wir Frauen bilden eine eigene Startgruppe und dürfen das Rennen beginnen. Man betritt den Steg einzeln und wird mit High Five abgeklatscht. Ganz ehrlich: in diesem Moment fühle ich mich wie eine ganz großartige Athletin. Eine wirklich schöne Idee. Über eine Rutsche geht es ins Wasser und zwischen SUPs wird sich zur Startreihe aufgestellt. Ich sehe eine Paddlerin mit einem Feuerwerkskörper in der Hand, die leuchteten Wolken werde ich leider erst hinterher auf Aufnahmen sehen. Denn für mich folgt der Startschuss und ein sehr entspannter Schwimmstart. Nach wenigen Zügen ist keine Dränglerei mehr, die Orientierung zur Boje klar und der Blick auf die Berge toll. Ich finde den See tatsächlich ganz schön warm, der Neo ist fast grenzwertig.

Nach gut zwei Drittel der Strecke gibt es einen Landgang. Hier ist ordentlich Stimmung vom Ufer. Herausgezogen wird man von Helfern, ich blicke kurz auf die Uhr. Mir ruft jemand zu, die Zeit sei super. Ich realisiere sofort, dass ich langsamer unterwegs bin als gedacht. Die Folge des entspannten Starts oder es ist wirklich zu warm im Neo. Zurück ins Wasser ist der Steg plötzlich vorbei und ich plumpse ins Wasser. Das verursacht nicht nur einen Schreck, nein sieht sicher auch reichlich blöde aus. Schnell finde ich wieder ins schwimmen zurück, durch den Steg geht es parallel Richtung Schwimmausstieg. Auf den letzten Metern überholen mich die 10 Minuten später gestarteten Lange und Zepunkte. Ich hatte das erst an Land kalkuliert, also mit dem Schwimmen lief es heute nicht so gut. Aber nun ist Konzentration auf den Wechsel angesagt, oder erst mal der halbe Kilometer Lauf bis zur Wechselzone. Dieser wird aber mit einer stimmungsvoller Musik einer Blaskapelle untermalt. Konzert in der Wechselzone hatte ich auch noch nicht.

Mit dem Rad die Berge auf und ab

Rauf aufs Rad und gleich gehts bergab nach Immenstadt, kurz durchatmen – denn schon gleich folgt der Kalvarienberg. Knapp ein Kilometer lang steil bergauf, davon 400 m mit über 10% Steigung. Ein paar jubelnde Zuschauer stehen am Rand, ich komme ganz gut hoch. Ein paar Athleten um mich rum sind schneller, einige deutlich langsamer. Dahinter folgt gleich eine Abfahrt durch das Wohngebiet, nicht ohne: mit parkenden Autos und wenig Weitsicht. In einer Kurve blendet die Sonne und ich sehe gar nicht wo es lang geht. Oje, was soll da noch auf den gefährlichen Abfahrten kommen? Ersteinmal geht es auf einer gerade Landstraße voran, der Blick nach links zeigt den Berg auf es den es bald hinaufgeht. Und es geht hinauf, man sanft, mal steiler.

Ich schaffe es recht entspannt hochzustrampeln, denn es heißt Kräfte einzuteilen, die Runde ist noch ein zweites Mal zu fahren. Der finale Anstieg ist wirklich heftig, vor allem macht mir hier die Hitze zu schaffen. Denn bei 7 km/h gibt es keinen kühlen Fahrtwind mehr. Dafür wird einem zusätzlich von der Strecke eingeheizt: laute Rockmusik mit starkem Kuhglockengeläut untermalt. Für mich die coolste Unterstützung auf der Strecke. Nach dieser Erfahrung würde ich als Zuschauer mich hier platzieren. Ab jetzt geht es bergab: eine steile Kurve und dann kann man es rollen lassen. Klar bin ich hier mit Abstand die Langsamste, aber die Abfahrt ist weit einsehbar, nicht zu steil und macht einfach Spaß. Es kommt der Teil mit dem Überholverbot, wirkt wie eine völlig harmlose Strecke. Aber vermutlich ist das das Problem, dass einfach die Strecke als ungefährlicher eingestuft wird, als sie tatsächlich ist. Nach dem Verbotsende sausen nur drei Radfahrer an mir vorbei, da habe ich doch nicht so viel ausgebremst wie vermutet. Zurück nach Immenstadt geht es wieder leicht bergauf. Es wird zäh und ich befürchte, dass ich doch zu viel in den Anstiegen investiert hatte.

Am Ende der Runde geht es noch mal richtig bergab. Breite Straßen mit breiten Kurven. Was für ein Spaß – selbst für mich als ängstlicher Radfahrer. Der Blick auf den Alpsee ist ein Traum. An der Wechselzone vorbei ist wieder richtig Stimmung auf der Straße, Radfahrer der olympischen Strecke begeben sich gerade auf die Radrunde. Es ist also ganz schön was los auf der Straße. Und am Kalvarienberg erst!!! Dicht an dicht stehen die Leute hier und brüllen, klatschen oder schwingen Kuhglocken. Ich schaue die ganze Zeit auf die Zuschauer und es geht quasi von allein bergauf. Für mich - einige andere müssen schieben. Oben angekommen fühle ich mich energiegeladen. Gut, dass ich an der letzten Versorgungsstation ordentlich zugeschlagen habe. Außerdem weiß ich jetzt, was auf der zweiten Runde auf mich zukommt und es sind noch mehr Zuschauer auf der Strecke. Lediglich die stehende Hitze am oberen Gipfel macht mir zu schaffen. Wie toll ist doch der Wind in der Abfahrt. Nach dem Überholverbot kommt diesmal keiner vorbei, ich habe also auch hier niemanden ausgebremst. Ich achte weiter darauf mich gut zu ernähren und so komme ich zufrieden zurück in die Wechselzone.

Laufen bei brütender Hitze

Auf die Laufstrecke ist es nicht so weit wie der Ausstieg vom See, anfangs geht es bergab. Auch hier ist viel los: auf und neben der Strecke. Nach ein paar Metern wird es klar: da kommt so gut wie kein Schatten. Die Temperaturen liegen über 30 Grad, kein Lüftchen und hitzereflektierender Asphalt von unten. Das Ziel ist einigermaßen durchkommen. Die Strecke ist auch nicht so einfach. Es geht immer leicht bergab und bergauf. Versorgungsstationen gibt es zum Glück reichlich, die erhaltene Kühlung durch Wasser und Schwämme hält leider nicht lange vor. Der Wendepunkt für die Kurzdistanzler kommt bald, für mich geht es weiter die Strecke entlang. Auch wenn ich mit der Hitze zu kämpfen habe – gerade wenns bergauf geht, kann ich nur noch traben – gibt es immer wieder schöne Blicke auf die Landschaft. Nach der Wende kommt einem doch so etwas wie ein Lüftchen entgegen, aber das hilft nur minimal. Wirklich Spaß kommt nicht auf, aber ich fasse etwas Motivation, als ich trotz meines langsamen Tempos noch andere Sportler überholen kann. Zurück an der Wechselzone geht es über den berüchtigten Kuhsteig. Quer übers Feld und steil bergan. Ich versuche erst gar nicht da hoch zulaufen und bevorzuge das Gehtempo. Erstens sind ja noch 5 Kilometer zu laufen und zweitens kann man so die Stimmung etwas aufsaugen. Ganz ehrlich: mir wäre es heute zu heiß hier zu stehen und die Athleten anzufeuern. Aber zum Glück denken nicht alle so und es gibt ein Feuerwerk an Anfeuerungen. Nach dem Kuhsteig geht es bergab, die Kurzdistanzler dürfen Richtung Ziel abbiegen, für uns geht es auf eine letzte zermürbende Wendepunktstrecke. Hier fehlen die Zuschauer und ich hätte gern noch eine Wasserstation mehr gehabt. Dennoch geht es Meter für Meter voran, bald zurück in den Ort, Athleten und Zuschauer werden mehr, eine letzte Schleife und ab durch das Ziel. Hier geht man leider in der Masse unter. Im Moment kommt durch die unterschiedlichen Startwellen und Schachtelung der Streckenlängen im Sekundentakt jemand ins Ziel. Ich bekomme die Medaille umgehängt, eine kühle Wasserflasche in die Hand gedrückt und klatsche mit Daniel Unger ab. Geschafft!

Nach dem Rennen: Menschenmassen und noch mehr Hitze

Bevor ich mich ins Athletenzelt begebe, springe ich noch in den kleinen Ausläufer des Sees. Wenigstens etwas Abkühlung. Ich treffe trotz der Massen meinen Mann und mache mit ihm einen Treffpunkt aus „in 30 Minuten da vorn im Schatten am Haus“. Er protestiert, hier bei der Messe ist der heißeste Ort im ganzen Tal! Und so schauen wir uns einen Punkt etwas weiter weg aus. Ich hole mir meinen Wechselbeutel ab, weiß aber nicht was ich damit soll: hier gibt es null Möglichkeiten die Sachen zu wechseln! Ich stelle mich für die Essensgutscheine an, hole mir was zu trinken und etwas Obst. Im Festzelt sind gefühlte 45 Grad, die Lautstärke ist kaum auszuhalten. Ich bin wieder nass geschwitzt und habe das Gefühl gleich umzukippen. So schlecht habe ich mich nicht annähernd auf der Strecke gefühlt. Ich will - nein - ich muss so schnell wie möglich hier weg. Beim Essen kann man zwischen Kaiserschmarrn, Käsespätzle und Curry wählen. Ich nehme letzteres, greife noch einen Kaffe und flüchte. Stehend unter einem Baum verspeise ich das leckere Curry. Naja, After-Race Entspannung sieht anders aus. Einen Schattensitzplatz zu finden ist unmöglich. Also ohne Pause zurück zur Wechselzone. Dort gibt es dröhnende Technomusik, sich kurz mit anderen Athleten zu unterhalten ist unmöglich. Mit dem Rad und Wechselsachen wieder zurück zum Auto, durch Menschenmassen und noch mehr Hitze. Bin ich froh, als wir endlich wegfahren.

Fazit des KULT-Rennens

Tatsächlich bleibt bei mir die negative Erfahrung nach Zieleinlauf noch 2 Tage im Kopf vorherrschend. Erst dann kommen langsam die tollen Erinnerungen daran: der Startschuss beim Schwimmen, der Blick auf die Berge, der Kampf die Anstiege hoch, der Fahrtwind auf den Abfahrten, die brüllenden Zuschauer, die lauten Kuhglocken, der Blick über den Alpsee, die vielen Athleten auf der Strecke, die Stimmung am Kuhsteig und die Medaille im Ziel. Wer mal Lust abseits der Langdistanz auf richtig Stimmung an der Strecke hat, ist hier genau richtig. Das Drumherum, was so ein großes Rennen mit sich bringt, muss man ertragen oder einfach mögen.

 


© TriGe Sisu Berlin; 7.9.2023